Schwangerschaftkomplikationen_Herzgesundheit

Schwangerschaftskomplikationen und Herzgesundheit: Früherkennung, Aufklärung, Verlauf und Langzeitfolgen

Interview: Géraldine Baumgartner mit Jeanne Moor und Carolin Lerchenmüller

Schwangerschaft ist ein natürlicher Herz-Kreislauf-Test fürs Leben. Bestimmte Komplikationen können frühe Warnsignale für ein erhöhtes langfristiges Risiko sein. Prof. Dr. med. Carolin Lerchenmüller und Dr. med. Jeanne Moor vom Lehrstuhl für Gendermedizin an der Universität Zürich sprechen in diesem Interview über Schwangerschaftskomplikationen und deren Zusammenhang mit der Herzgesundheit.

Frauenzentrale Zürich (FZ): Frau Prof. Dr. med. Lerchenmüller und Frau Dr. med. Moor, vielen Dank, dass ihr euch Zeit für dieses Interview nehmt. Lasst uns direkt in das Thema einsteigen: Welche Schwangerschaftskomplikationen können mit langfristigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sein?

Carolin Lerchenmüller und Jeanne Moor (CL&JM): Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen (umgangssprachlich oft als «Schwangerschaftsvergiftung» bezeichnet; dazu zählen z. B. Präeklampsie oder das HELLP-Syndrom = Hemolysis, Elevated Liver enzymes, Low Platelets) gehören zu den wichtigsten Risikofaktoren. Ebenso relevant sind Schwangerschaftsdiabetes, Frühgeburtlichkeit, die Geburt eines für das Schwangerschaftsalter zu kleinen Kindes (small for gestational age, SGA), eine Plazentainsuffizienz sowie wiederholte Fehlgeburten. Diese Schwangerschaftskomplikationen gelten heute nicht mehr nur als geburtshilfliche Ereignisse, sondern als frühe Marker eines erhöhten langfristigen Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – sowohl für die Mutter als auch für das Kind.

FZ: Wie verlaufen diese Schwangerschaftskomplikationen während und nach der Geburt? Und welche Nachsorge ist wichtig?

CL&JM: Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen zeigen sich typischerweise durch einen erhöhten Bluthochdruck, häufig kombiniert mit Eiweiss im Urin oder Zeichen einer Organbeteiligung.

«Mögliche Symptome sind starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, Oberbauchschmerzen, Übelkeit, Atemnot oder ausgeprägte Wassereinlagerungen

Schwangerschaftsdiabetes verursacht dagegen meist keine Beschwerden und wird zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche mittels Blutzuckertest erkannt. Eine Plazentainsuffizienz oder ein für das Schwangerschaftsalter zu kleines Kind (SGA) wird meist im Ultraschall anhand einer verminderten kindlichen Wachstumsentwicklung festgestellt.

Viele dieser Schwangerschaftskomplikationen bilden sich nach der Geburt zurück. Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen können jedoch fortbestehen oder sich sogar erstmals in den Tagen bis Wochen nach der Geburt entwickeln. Deshalb sind in dieser Zeit Blutdruckkontrollen wichtig. Beim Schwangerschaftsdiabetes normalisiert sich der Blutzucker meist unmittelbar nach der Geburt.

«Dennoch zeigt rund ein Drittel der betroffenen Frauen weiterhin eine gestörte Glukosetoleranz, und etwa 20% entwickeln innerhalb von zehn Jahren einen Diabetes mellitus

Insgesamt entwickeln Frauen mit diesen Schwangerschaftskomplikationen Herz-Kreislauf-Erkrankungen durchschnittlich rund acht Jahre früher als Frauen ohne entsprechende Vorgeschichte. Deshalb ist eine strukturierte Nachsorge wichtig: Dazu gehören regelmässige Kontrollen von Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten und Körpergewicht sowie Beratung zu Bewegung, Ernährung und Stillen. Die langfristige Betreuung sollte durch die Hausärztin oder den Hausarzt und/oder in einer spezialisierten Frauen-Herz-Sprechstunde erfolgen, wie sie am z.B. am Universitätsspital Zürich angeboten wird.

FZ: Welche Rolle spielt Aufklärung dabei, dass Frauen Symptome früher erkennen und schneller Hilfe suchen?

CL&JM: Aufklärung kann die Selbstwahrnehmung stärken und senkt die Schwelle, medizinische Abklärungen einzufordern. Sie hilft zudem Fachpersonen, Beschwerden nicht vorschnell als «typisch Schwangerschaft« einzuordnen und Risikokonstellationen früher zu erkennen.

FZ: Schwangerschaftskomplikationen werden oft nur kurzfristig betrachtet. Warum wird so wenig über mögliche Langzeitfolgen gesprochen?

CL&JM: Die Erkenntnis, dass die Schwangerschaft wertvolle Informationen über die spätere Gesundheit einer Frau liefert, ist noch relativ neu. Die Medizin war lange auf akute Ereignisse und männliche Referenzmodelle ausgerichtet, und Schwangerschaft wurde primär als kurzfristiges geburtshilfliches Ereignis betrachtet.

FZ: Wie gut sind Ärzt:innen und Fachpersonen heute über die Langzeitfolgen von Schwangerschaftskomplikationen informiert?

CL&JM: Das Wissen nimmt zu, ist jedoch sehr unterschiedlich verteilt. In der Gynäkologie, Geburtsmedizin und spezialisierten kardiologischen Zentren ist das Bewusstsein meist höher, in der Grundversorgung besteht weiterhin Aufholbedarf. Leitlinien berücksichtigen spezielle Risikofaktoren für Frauen zunehmend, doch die Umsetzung erfordert weitere Fortbildung.

FZ: Was sind aktuell die grössten Herausforderungen in der Versorgung und Unterstützung von Betroffenen?

CL&JM: Eine zentrale Herausforderung ist die fragmentierte Versorgung: Schwangerschaft, Geburt und langfristige Gesundheit werden oft getrennt betrachtet, und strukturierte Nachsorgeprogramme fehlen vielerorts. Spezialisierte Angebote wie die Frauen-Herz-Sprechstunde am Universitätsspital Zürich können diese Lücke teilweise schliessen, sind jedoch noch nicht flächendeckend verfügbar.

«Gleichzeitig werden Symptome bei Frauen häufiger unterschätzt, und Schwangerschaftskomplikationen werden in der Risikobeurteilung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch zu wenig berücksichtigt.»

Wesentlich ist zudem, dass dieses Wissen rasch und auf allen Ebenen verankert wird, bei Hausärzt:innen, Hebammen und anderen Gesundheitsfachpersonen ebenso wie in der Ausbildung und in der öffentlichen Aufklärung. Der Nachholbedarf ist gross, entsprechend dringend ist die konsequente Integration in Versorgung und Wissensvermittlung.

FZ: Was müsste sich im Gesundheitssystem und in der Gesellschaft verändern, damit Frauen besser begleitet und ernst genommen werden?

CL&JM: Dieses Wissen muss konsequent in Ausbildung, Leitlinien und Versorgung integriert werden. Schwangerschaft sollte als Teil der langfristigen Gesundheitsgeschichte verstanden werden. Interdisziplinäre Programme wie Frauen-Herz-Sprechstunden, die Geburtshilfe, Hebammen, Kardiologie und Hausarztmedizin verbinden, sind zentral. Gleichzeitig braucht es mehr gesellschaftliches Bewusstsein für mögliche Langzeitfolgen und dafür, dass Beschwerden ernst genommen und differenziert beurteilt werden müssen.

FZ: Welche Botschaft möchtet ihr Frauen mitgeben, die das Gefühl haben, während oder nach ihrer Schwangerschaft nicht ernst genommen zu werden?

CL&JM: Vertrauen Sie Ihrer Wahrnehmung. Wenn Sie das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt oder Sie sich «nicht mehr wie Sie selbst« fühlen, lassen Sie Ihre Beschwerden medizinisch abklären. Scheuen Sie sich nicht, Fragen zu stellen und nachzuhaken, wenden Sie sich an die entsprechenden Fachpersonen.

FZ: Gibt es zum Schluss noch etwas, das euch besonders am Herzen liegt?

CL&JM: Schwangerschaft ist nicht nur ein Ereignis im Leben einer Frau, sondern ein wichtiger Marker für ihre langfristige Herz-Kreislauf-Gesundheit – auch für die des Kindes. Diese Erkenntnis sollte stärker in Prävention und Versorgung einfliessen.

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Dieses Interview gehört zur Kampagne «FeMedizid». Ein Aufruf der Frauenzentrale Zürich, die Wissenslücke in der Medizin endlich zu schliessen und Frauengesundheit sichtbar zu machen.

Mehr Informationen zur Frauen-Herz-Stunde am Universitätsspital Zürich finden Sie auf der uzh-Website.

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