Interview: Alexandra Müller mit Tanja Bernold
Für viele Frauen gehört es zur Realität, mit gesundheitlichen Beschwerden nicht ernst genommen zu werden. Diagnosen werden verzögert, Symptome verharmlost oder als «psychisch» abgetan. Auch Tanja Bernold hat diese Erfahrung gemacht. Ihre persönliche Geschichte hat sie nicht nur geprägt, sondern auch dazu bewegt, ein Buch darüber zu schreiben und anderen Frauen Mut zu machen, auf ihre Stimme zu vertrauen und für sich einzustehen. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Weg, den Werten hinter ihrer Marke ZAHA und warum sie sich als Kollektivmitglied bei der Frauenzentrale Zürich engagiert.
Frauenzentrale Zürich (FZ): Liebe Tanja, vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst. Du bist mit ZAHA Kollektivmitglied bei der Frauenzentrale Zürich. Was hat dich dazu bewegt, Teil dieses Netzwerks zu werden?
Tanja Bernold (TB): Im Mai 2025 öffnete ich ZAHA Studio in Zürich, nachdem ich mich von einer Krankheit erholt hatte und zwei Jahre lang weg vom Fenster war. Seither ist einerseits ein erzählendes Sachbuch entstanden, das von Gendermedizin und meiner Odyssee im Gesundheitssystem handelt; und Silk Squares für meine Marke ZAHA, welche Frauen und ihre Anliegen modisch sichtbar machen. Die FZ setzt ihren Fokus aktuell auf Gendermedizin und befähigt Frauen mit ihrem Angebot in ihrer Selbstbestimmung. Dieses Kampagnenprogramm und das subversive Engagement von ZAHA ist die perfekte Kombination. Ich wollte mit ZAHA Teil einer gleichgesinnten Bewegung werden und sichtbar machen, dass Mode mehr kann als kleiden. Sie ist Ausdruck und Haltung.
FZ: Welche Rolle spielen Netzwerke wie die Frauenzentrale für dich als Unternehmerin und Kreative?
TB: Netzwerke sind da, um sich gegenseitig zu stärken und Wissen, Zugang und Sichtbarkeit zu teilen. Sie spielen insofern eine Rolle, da sie Synergien erst möglich machen. Interessensgemeinschaften haben den Vorteil, dass sie im Kollektiv wachsen und ihre Botschaft weiter tragen.

FZ: In deiner Arbeit geht es stark um Ausdruck und Haltung. Wo siehst du Parallelen zwischen deiner Marke und den Werten der Frauenzentrale?
TB: Um Haltung zu wahren und dieser auch Ausdruck zu verleihen – so, wie es die Mode kann – geht eine gewisse Bildung oder besser gesagt ein Wissen und eine Gestaltungsfreiheit voraus, die dann zur Selbstwirksamkeit führt. Während die Frauenzentrale Beratung und Events zur Aufklärung anbietet, kann ZAHA mit den Modeaccessoires ein niederschwelliger Einstieg zu feministischen Themen sein und das an Orten, an denen man dies nicht erwarten würde: Auf der Strasse, im Sitzungszimmer, in der Badi, beim Einkaufen und an der Bushaltestelle.
«Mode schafft es überall hin und noch dazu steht sie für etwas ein.»
FZ: Was würdest du anderen Gründerinnen oder Kreativen sagen, die überlegen, sich stärker zu vernetzen oder sichtbar zu machen?
TB: Überlegt euch, was ihr im Kern verkörpert, und wählt eure Crowd. Es können mehrere sein.
FZ: Wir beschäftigen uns aktuell intensiv mit dem Thema Gendermedizin. Wie nimmst du das Thema Frauengesundheit in deinem Alltag oder Umfeld wahr?
TB: Für mich persönlich ist es das grosse Ausrufezeichen, das meine Karriere unterbrochen, markiert, beendet und nun wieder in Bewegung gebracht hat. Ich mache die Erfahrung, dass Krankheit im Berufsleben weiterhin stigmatisiert wird.
«Wie paradox ist es also, dass wir so wenig über Frauengesundheit wissen?»
Also die Gesundheit der Hälfte der Bevölkerung. Neben dem Gender Data Gap, der auf fehlendes Wissen in der Medizin hinweist, fand ich schockierend und erschöpfend, dass mir im Spital so wenig zugehört und geglaubt wurde. Als meine Kräfte dringend hätten für die Heilung aufgewendet werden sollen, musste ich sie dafür aufbringen mit meinem Leiden überhaupt gesehen, gehört und verstanden zu werden; und dann noch die KTG-Versicherung mit rechtlichen Mitteln in ihre Pflicht streiten. Wer es schafft die Scham zu überwinden, erfährt: so geht es vielen Frauen!
FZ: Viele Frauen erleben, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen werden. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
TB: Ich hatte vier Notfalloperationen zur Blutstillung am Gebärmutterhals nach einer Konisation. Damit vier Vollnarkosen in 3 Monaten, bis die notwendigen hämatologischen Abklärungen getroffen wurden, die endlich eine passende Therapie und damit Linderung brachten. Ich hatte bereits beim ersten Notfall auf den hohen Blutverlust von 2L hingewiesen, der in keinem Bericht festgehalten wurde. Und wieder nicht und wieder nicht.
Heute ist medizinisch erwiesen, dass ich an einer vererbten Blutgerinnungsstörung leide, die sich bei Schleimhautoperationen zeigt. Die Liste an Versäumnissen, die das Gesundheitssystem an mir gemacht hatte, war so lang, dass ich mich fragte: ist das Absicht und wozu?
FZ: Worüber schreibst du in deinem neuen Buch «Die Wunde»?
TB: Am Anfang dieser Geschichte steht eine Wunde. Eine Wunde am Gebärmutterhals, die infolge einer Operation immer wieder aufbricht. Eine Wunde, deren Heilungsprozess mehrere Notfall-Aufenthalte und Folge-Operationen erfordert. Diese Wunde konfrontiert mich mit Sexismus und Diskriminierung im medizinischen Bereich: Sei es, dass nur Frauen auf HP-Viren getestet werden, obwohl Männer bei ungeschütztem Verkehr das Virus ebenfalls übertragen können. Oder das Medical Gaslighting, das Nicht-Ernstnehmen, dem ich wiederholt ausgesetzt wurde. Doch diese Wunde erzeugt in mir weitaus mehr als Wut und Verzweiflung. Die immer wieder aufbrechende Wunde wirft mich auf mich selbst zurück und befördert tief liegende Traumata an die Oberfläche. Das Buch ist eine Rückbesinnung des Urvertrauens.


FZ: Selbstbestimmung ist ein zentrales Thema, sowohl in der Gesundheit als auch im persönlichen Ausdruck. Was bedeutet Selbstbestimmung für dich ganz konkret?
TB: Gestaltungsfreiheit. Mich nicht vor meinen Vorgesetzten und den Konsequenzen fürchten zu müssen, wenn ich in meiner Überzeugung handle. Feminismus polarisiert.
FZ: Was braucht es aus deiner Sicht, damit Frauen heute stärker in ihre eigene Kraft kommen – sei es gesundheitlich, beruflich oder persönlich?
TB: Grundwissen zu internalisierter Misogynie, Bereitschaft für höhere Komplexität und das Aushalten dieser. Eine grundlegende Veränderung in der Sozialisierung hin zu Gleichwertigkeit.
FZ: Was möchtest du unseren Leser:innen unbedingt noch mitteilen?
TB: Es braucht keine Lebenskrise, um die nötigen Schritte zu sich selbst zu tun.
.

.
Tanja Bernold ist Gründerin von ZAHA und bekannt für ihre Silk Squares und Leather Belts für urbane Styles, die sie selbst entwirft und gestaltet. Neben ihrer Tätigkeit als Designerin arbeitet sie als Journalistin und setzt sich öffentlich gegen sexualisierte Gewalt ein.
______
Auf unserem Blog findest du weitere Interviews, Artikel und Beiträge der Frauenzentrale Zürich. Abonniere auch unseren Newsletter und verpasse keine Veranstaltung.
Viel Spass beim Lesen!