Gynäkologische Vorsorgeuntersuchung

Welche Untersuchungen gehören eigentlich zu einer gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung und welche Fragen dürfen Patientinnen stellen?

Interview: Alex Müller mit Stephanie von Orelli

Bei einer gesunden, beschwerdefreien Frau gibt es klare medizinische Empfehlungen dazu, welche Untersuchungen im Rahmen der gynäkologischen Vorsorge sinnvoll sind. Gleichzeitig übernehmen Gynäkolog:innen insbesondere bei Frauen ab 35 Jahren häufig auch hausärztliche Funktionen. Die Zürcher Fachärztin für Gynäkologie und GeburtshilfeDr. Stephanie von Orelli spricht darüber, was zu einer gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung gehört und warum Vertrauen und Mitbestimmung in der medizinischen Beziehung zentral sind. Denn jede Patient:in hat das Recht, Fragen zu stellen, Untersuchungen abzulehnen und selbst mitzuentscheiden, was mit ihrem Körper passiert.

Frauenzentrale Zürich (FZ): Was gehört aus medizinischer Sicht zu einer gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung bei einer gesunden, beschwerdefreien Frau?

Stephanie von Orelli (SvO): Der Kern der Untersuchung ist der Blick auf den Muttermund. Zudem wird ein zytologischer Abstrich (PAP) abgenommen. Begleitet wird dies vom Abtasten der Gebärmutter und der Eierstöcke. Ab dem 30. Lebensjahr wird empfohlen, die Brust und die dazugehörigen Lymphknoten in der Achsel anzusehen und abzutasten. Ziel ist es, Veränderungen früh zu erkennen, bevor sie Beschwerden verursachen. 
Im Gespräch vor der Untersuchung wird über neue Symptome oder aufgetretene Krankheiten gesprochen. Dies führt gegebenenfalls zu weiteren Untersuchungen
.

FZ: Viele Frauen erleben, dass Vorsorgeuntersuchungen von Praxis zu Praxis unterschiedlich ablaufen. Woran liegt das?

SvO: Wahrscheinlich daran, dass es wenig Leitlinien gibt. Beim Gespräch vor der Untersuchung sprechen wir über neu aufgetreten Symptome, über die Verhütung, den Zyklus, die Brustgesundheit. Je nachdem werden dann zusätzlich Untersuchungen nötig, welche zur Klärung führen. 

FZ: Welche Untersuchungen sind wissenschaftlich besonders gut belegt und leisten einen wichtigen Beitrag zur Frauengesundheit?

SvO: Sicherlich hat die Krebsabstrichuntersuchung viel zur Prävention vor Gebämutterhalskrebs beigetragen. Wie das in Zukunft mit vielen gegen HPV geimpften Frauen aussieht, ist noch offen. Das Abtasten der Gebärmutter und der Eierstöcke gehört auch dazu. So können zum Beispiel Myome, Lageveränderungen und Eierstockzysten ertastet werden. 

FZ: Eine Urinprobe wird in manchen Praxen routinemässig verlangt, in anderen nicht. Wann ist eine Urinuntersuchung sinnvoll und wann eher nicht notwendig?

SvO: In vielen Fällen übernehmen wir Gynäkologinnen auch hausärztliche Funktionen, besonders bei Frauen ab 35. Da ist eine Urinprobe sinnvoll, um etwa versteckte Entzündungen oder Stoffwechselveränderungen früh zu erkennen. Dies gilt auch für die Blutdruckmessung, denn ein zu hoher Blutdruck wird meist nicht gespürt.   

FZ: Wie können Patientinnen erkennen, ob eine Untersuchung medizinisch begründet ist?  

«Moderne Medizin soll patientinnenzentriert sein. »

SvO: Das heisst: Wir klären auf, wir beraten, aber die Patientin entscheidet. Ein vertrauensvolles Verhältnis ist die Basis. Wenn sich die Frau bei Fragen oder Bedenken nicht ernst genommen fühlt, ist das ein Zeichen, dass die Chemie nicht stimmt. Da sollte frau sich jemanden suchen, bei dem sie sich sicher und gehört fühlt. 

FZ: Welche Fragen sollten Frauen stellen, wenn ihnen eine Untersuchung vorgeschlagen wird?  

SvO: Optimalerweise erklärt die Ärztin/der Arzt, wieso und welche Untersuchung durchgeführt wird. Sonst gilt es nachzufragen, welchen Zweck eine Untersuchung hat. 

FZ: Dürfen Patientinnen einzelne Untersuchungen ablehnen oder verschieben? Und wie sollte ein gutes Gespräch darüber aussehen?

SvO: Im Vordergrund jeder Medizinischen Beziehung steht der vertrauensvolle Umgang. Wenn eine Frau mit einer Untersuchung nicht einverstanden ist, darf sie diese selbstverständlich ablehnen. Wichtig ist die gute Aufklärung, über mögliche Risiken, die damit verbunden sind. Falls die Frau zum Beispiel Hormonpräparate erhält und eine weitere Abklärung eines Brustbefundes nicht wünscht, werden ihr keine weiteren Hormone verschrieben, da damit ein Brustbefund noch stimuliert werden kann. 

FZ: Aus deiner Erfahrung: Wo erleben Frauen im Gesundheitssystem noch zu wenig Aufklärung oder Mitsprache?  

«In meiner Erfahrung kommt das Gespräch in der Ärzt:innen-Patient:innen Beziehung zu kurz. Frauen fühlen sich dadurch nicht mit Ihren Symptomen ernstgenommen.»

SvO: Auch höre ich, dass bei Frauen Panikattacken oder psychosomatische Krankheiten diagnostiziert werden, obwohl sie in Wahrheit Herz- oder Lungenerkrankungen haben. Ein grosses Thema sind Zyklusbeschwerden, insbesondere Schmerzen. Das sind gezielt Abklärungen und ein interdisziplinäres Team nötig um die geeignete Behandlung zu finden.

FZ: Was bedeutet für dich eine moderne, patientinnenzentrierte Frauenheilkunde?  

SvO: In meinen Augen sind die Beschwerden der Frauen sehr individuell. Das Gespräch mit aktivem zuhören und nachfragen ist dabei zentral. Dies ist gegebenenfalls nicht im eingeplanten Termin möglich und es sollten entsprechende Folge Termine angeboten werden. Das Ziel ist es, eine möglichst Problemorientierte Diagnostik und Therapie für die einzelne Patientin zu finden.

FZ: Wenn du Frauen drei Dinge für ihren nächsten Besuch bei der Frauenärztin mitgeben könntest: Welche wären das?

SvO: Sei aktiv! Du bist die Expertin für deinen Körper. Sprich über Deine Symptome. Wenn du unsicher bist, frag nach dem «Warum«. Wenn eine Behandlung oder ein Eingriff ansteht, hol dir eine Zweitmeinung ein. Die Ärztin ist da, um zu unterstützen.  

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Dieses Interview gehört zur Kampagne «FeMedizid». Ein Aufruf der Frauenzentrale Zürich, die Wissenslücke in der Medizin endlich zu schliessen und Frauengesundheit sichtbar zu machen.
Erfahre in einem weiteren Interview mit Dr. med. Stephanie von Orelli was Gendermedizin bedeutet, warum Frauen in Forschung und Klinik noch immer benachteiligt sind und was sich dringend ändern muss.

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