Diskussion_Männer

Männlichkeit im Wandel: Wie Politik Gewalt gegen Frauen verhindern will

Interview: Olivia Frei mit Nationalrat Patrick Hässig

Manosphere, toxische Männlichkeit oder «male loneliness epidemic»: Die Debatte über Männlichkeit hat an Dringlichkeit gewonnen. Was bedeutet Männlichkeit heute? Warum fühlen sich manche (junge) Männer von Gleichstellung verunsichert? Und wie lässt sich verhindern, dass frauenfeindliche Ideologien in Gewalt münden? 

Diese Fragen sind längst nicht mehr nur Gegenstand gesellschaftlicher Debatten, sondern auch politisch relevant. Eine Gruppe von sechs Nationalräten aus sechs Parteien und sechs Kantonen hat deshalb das Postulat «Verminderung von Gewalt an Frauen durch ganzheitliche Lösungsansätze» eingereicht. Gerhard Andrey (Grüne, Freiburg), Mike Egger (SVP, St. Gallen), Patrick Hässig (GLP, Zürich), Simon Stadler (Mitte, Uri), Heinz Theiler (FDP, Schwyz) und Cédric Wermuth (SP, Aargau) fordern den Bundesrat auf, einen Bericht zu männlichkeitsideologischer Radikalisierung und Gewalt gegen Frauen vorzulegen. 

Das Postulat wurde vom Nationalrat an den Bundesrat überwiesen. Olivia Frei hat mit dem Zürcher Mitinitianten Patrick Hässig über politische Verantwortung, Männerbilder, Prävention und die Rolle von Männern in der Gleichstellung gesprochen.   

Lieber Patrick, es freut mich sehr, dass du dir Zeit genommen hast, um mit uns über das Postulat und dein Engagement zu sprechen.  Man hört oft: Gleichstellungspolitik sei Frauenpolitik. Was war für dich der Punkt, an dem klar wurde: Das ist auch ein Thema, zu dem Männer öffentlich Verantwortung übernehmen müssen? 

Patrick Hässig (PH):  Gewalt gegen Frauen und radikalisierende Männlichkeitsbilder sind keine Frauenprobleme – sie sind gesellschaftliche Herausforderungen. Mir wurde klar, dass wir als Männer nicht nur Beobachter sein dürfen, sondern Teil der Lösung sein müssen. Gerade wenn problematische Rollenbilder von Männern ausgehen, braucht es auch Männer, die öffentlich sagen: Das entspricht nicht unserem Verständnis von Verantwortung, Respekt und Zusammenleben. 

Für mich bedeutet Verantwortung nicht, Schuld pauschal zu verteilen. Die grosse Mehrheit der Männer lebt respektvoll und gewaltfrei. Gerade deshalb sollten wir nicht schweigen, wenn sich Ideologien verbreiten, die Frauen abwerten oder Gewalt legitimieren.

«Politik hat den Auftrag, Entwicklungen frühzeitig ernst zu nehmen und Prävention zu stärken.»

FZ: Das Postulat wurde von Männern aus sechs Parteien getragen. Das ist ungewöhnlich. Was hat diese Zusammenarbeit möglich gemacht, und wo lagen die grössten politischen oder sprachlichen Reibungspunkte? 

PH: Mich hat gefreut, dass wir parteiübergreifend einen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Unterschiedliche politische Überzeugungen müssen kein Hindernis sein, wenn das Ziel klar ist: Gewalt verhindern und Radikalisierung früh erkennen.  

Natürlich gab es Diskussionen über Begriffe und Formulierungen. Wichtig war uns, dass wir weder Männer unter Generalverdacht stellen noch bestehende Probleme verharmlosen. Am Ende ist ein Text entstanden, der beides verbindet: Er benennt eine reale Herausforderung und lädt dazu ein, faktenbasiert nach Lösungen zu suchen. Genau so sollte Politik funktionieren. 

FZ: Mitte Juni wurden die Resultate einer Studie der Universität Zürich veröffentlicht, die herausgefunden hat, dass vor allem Männer im Übergang zum Erwachsenenalter zu diskriminierenden Einstellungen gegenüber Frauen neigen. Bei den 18- bis 24-jährigen Männern betrifft das 31 Prozent. Diese Altersgruppe ist besonders geprägt durch ein restriktiv-dominantes Männlichkeitsbild. Was bedeutet Männlichkeit für dich heute, und was musstest du an deinem eigenen Männerbild im Lauf deines Lebens verlernen? 

PH: Für mich bedeutet Männlichkeit heute nicht Dominanz oder Härte. Sie bedeutet Verantwortung zu übernehmen, verlässlich zu sein, andere mit Respekt zu behandeln und auch Schwäche zeigen zu können. Stärke zeigt sich nicht darin, andere zu kontrollieren, sondern darin, mit sich selbst im Reinen zu sein. 

Ich glaube, viele Männer meiner oder früheren Generationen sind mit dem Bild aufgewachsen, immer funktionieren zu müssen und Gefühle möglichst nicht zu zeigen. Für mich war schon immer klar, dass Offenheit, Empathie und Selbstreflexion keine Schwächen sind, sondern wichtige Voraussetzungen für gute Beziehungen – in der Familie, im Beruf und in der Politik. 

FZ: Viele Fortschritte in der Gleichstellung machen sichtbar, dass Männer lange von strukturellen Vorteilen profitiert haben. Gleichzeitig betonen Feministinnen zu Recht, dass Frauen weiterhin strukturell benachteiligt werden. Erlebst du, dass manche Männer Gleichstellung als Verlust oder Kränkung empfinden? Und wie kann Politik darauf reagieren, ohne diese Abwehr zu bestätigen?  

PH: Ja, diese Wahrnehmung gibt es. Veränderungen können Unsicherheit auslösen, besonders wenn Menschen das Gefühl haben, ihre Rolle werde infrage gestellt. Diese Gefühle einfach abzutun, halte ich nicht für zielführend. 

«Gleichzeitig müssen wir klar sagen: Gleichstellung bedeutet nicht, jemandem etwas wegzunehmen.»

Es geht darum, dass alle Menschen unabhängig vom Geschlecht die gleichen Chancen haben. Politik sollte deshalb Orientierung geben, den Dialog fördern und deutlich machen, dass eine gleichberechtigte Gesellschaft allen zugutekommt – Frauen wie Männern. 

FZ: Was erhoffst du dir konkret vom Bericht des Bundesrats? Und was wäre aus deiner GLP-Perspektive der wichtigste politische Hebel, um der Radikalisierung junger Männer entgegenzuwirken?  

PH: Ich wünsche mir einen Bericht, der die Ursachen nüchtern analysiert und aufzeigt, wo Prävention am wirksamsten ansetzen kann. Wir brauchen eine solide Grundlage statt ideologischer Debatten. Aus GLP-Sicht ist Bildung der wichtigste Hebel. Medienkompetenz, kritisches Denken und die Fähigkeit, Beziehungen respektvoll zu gestalten, sind zentrale Zukunftskompetenzen. Gleichzeitig müssen wir junge Menschen stärken, damit sie Zugehörigkeit, Anerkennung und Perspektiven nicht in radikalen Online-Communities suchen. Prävention ist wirksamer und letztlich auch günstiger als spätere Interventionen. 

FZ: Viele Feministinnen sind müde davon, Männer immer wieder an den Tisch bitten zu müssen. Sie sagen: Wir erklären seit Jahrzehnten, was Sexismus, Gewalt und strukturelle Ungleichheit bedeuten. Kannst du diese Müdigkeit nachvollziehen? Und was ist die Aufgabe von Männern, damit Gleichstellung nicht länger als Frauenanliegen behandelt wird?  

PH: Diese Müdigkeit kann ich nachvollziehen. Wer über viele Jahre immer wieder auf dieselben Missstände hinweist, erwartet irgendwann zu Recht, dass andere Verantwortung übernehmen.

«Ich sehe die Aufgabe von Männern darin, nicht nur zuzuhören, sondern auch selbst aktiv zu werden.»

Das beginnt im eigenen Umfeld, wenn sexistische Sprüche oder respektloses Verhalten nicht einfach stehen gelassen werden. Es setzt sich in der Politik fort, indem Männer Gleichstellung nicht als Nischenthema betrachten, sondern als Frage von Freiheit, Respekt und Chancengleichheit. Eine moderne Gesellschaft entsteht dann, wenn Verantwortung von allen getragen wird – nicht nur von denen, die von Ungleichheit unmittelbar betroffen sind.

FZ: Vielen Dank, lieber Patrick, für deine Zeit und deine Einordnung.  

Die Frauenzentrale Zürich engagiert sich seit 1914 für Gleichstellung. Als überparteiliche Organisation ist uns besonders wichtig, dass Gleichstellungspolitik nicht entlang parteipolitischer Grenzen verhandelt wird. Dieses Postulat, getragen von sechs Männern aus sechs Parteien und sechs Kantonen, ist deshalb ein wichtiges Signal.  

Wir sind überzeugt: Echte Gleichstellung und eine gewaltfreie Gesellschaft erreichen wir nur, wenn Frauen und Männer gemeinsam Verantwortung übernehmen. Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenproblem. Sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe. 

______
Der Stadtzürcher Patrick Hässig vertritt den Kanton Zürich seit 2023 im Nationalrat. Er ist Mitglied der GLP und gehört seit diesem Jahr der Geschäftsleitung der Partei an. Vor seinem Amt im Nationalrat war Patrick Hässig Mitglied des Zürcher Gemeinderats sowie des Zürcher Kantonsrats. Beruflich war er 18 Jahre lang als Radiomoderator tätig, bevor er die Ausbildung zum Dipl. Pflegefachmann HF absolvierte. Neben seinem politischen Amt arbeitet er in einem Teilzeitpensum als Pflegefachmann im Kindernotfall.  

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