Ein Blogbeitrag von Alex Müller
In den letzten Jahren wurde viel über die sogenannte «Manosphere» diskutiert. Gemeint sind Online-Communities, die antifeministische, frauenfeindliche oder extrem traditionelle Rollenbilder verbreiten. Weniger bekannt ist dafür ein neuer Trend: die sogenannte «Femosphere» oder «Womanosphere».
Forschende bezeichnen die Femosphere als das weibliche Gegenstück zur Manosphere. Doch obwohl sie sich als frauenfreundlich präsentiert, sehen Expert:innen auch hier problematische Entwicklungen.
Die Femosphere ist kein einzelnes Netzwerk, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Online-Communities, Influencerinnen und Inhalte, die sich mit Frauen, Dating, Beziehungen und Geschlechterrollen beschäftigen. Entstanden ist sie vor allem ab 2018 als Reaktion auf die zunehmende Sichtbarkeit von Frauenfeindlichkeit im Internet und auf Erfahrungen vieler Frauen mit Sexismus, Gewalt oder Enttäuschungen in Beziehungen.
Innerhalb der Femosphere finden sich unterschiedliche Strömungen:
- «Female Dating Strategists», die Beziehungen als strategisches Machtspiel betrachten.
- «Dark Feminine Energy»-Influencerinnen, die Frauen dazu ermutigen, Männer gezielt zu manipulieren oder finanziell auszunutzen.
- «Femcels», die ähnlich wie männliche Incels eine tiefe Frustration gegenüber dem anderen Geschlecht entwickeln.
- Tradwife– oder traditionelle Weiblichkeitsbewegungen, die klassische Rollenbilder romantisieren.
Viele dieser Inhalte wirken auf den ersten Blick harmlos. Sie sprechen über Selbstwert, Grenzen setzen oder finanzielle Unabhängigkeit. Problematisch wird es dort, wo aus berechtigter Kritik an gesellschaftlichen Missständen ein Weltbild entsteht, das Männer und Frauen als grundsätzliche Gegner betrachtet.
Forschende sehen mehrere Risiken.
Erstens fördert die Femosphere häufig ein Denken in Gegensätzen. Statt auf Zusammenarbeit setzt sie auf Misstrauen. Männer werden pauschal als egoistisch, ausnutzend oder unfähig zu echter Partnerschaft dargestellt.
Zweitens ersetzt sie kollektive Gleichstellungsarbeit durch individuelle Strategien. Einige Influencerinnen vertreten die Ansicht, Gleichberechtigung sei gescheitert und Frauen müssten sich deshalb vor allem selbst schützen, statt gesellschaftliche Veränderungen anzustreben. Forschende sprechen von einer Abkehr von feministischen Grundideen hin zu einem eher pessimistischen und reaktionären Weltbild.
Drittens funktionieren die Mechanismen ähnlich wie bei der Manosphere. Polarisierende Aussagen, Wut und Empörung erzeugen Aufmerksamkeit. Algorithmen sozialer Netzwerke belohnen Inhalte, die starke Emotionen auslösen. Dadurch können Nutzerinnen Schritt für Schritt in immer radikalere Inhalte geraten.
Warum finden solche Inhalte Anklang?
Die Popularität der Femosphere kommt nicht aus dem Nichts. Viele Frauen erleben nach wie vor Diskriminierung, sexuelle Belästigung, ungleiche Care-Arbeit oder wirtschaftliche Benachteiligung. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen von der modernen Dating-Kultur überfordert oder enttäuscht.
Genau darin liegt aber auch die Gefahr. Wer individuelle Erfahrungen verallgemeinert, läuft Gefahr, ganze Gruppen zu verurteilen. Aus berechtigtem Ärger kann schnell Verbitterung werden.
Was bedeutet das für die Gleichstellung?
Als Frauenzentrale Zürich beobachten wir solche Entwicklungen mit Sorge.
«Gleichstellung bedeutet nicht, dass Frauen gegen Männer kämpfen.»
Gleichstellung bedeutet, gemeinsam Strukturen zu verändern, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligen.
Die grossen Fortschritte der Frauenbewegung wurden nicht erreicht, indem Geschlechter gegeneinander ausgespielt wurden. Sie wurden erreicht, weil Menschen gemeinsam für faire Chancen, gleiche Rechte und gegenseitigen Respekt eingestanden sind.
Natürlich müssen wir Sexismus benennen, Gewalt bekämpfen und Missstände kritisieren. Doch wir sollten dabei nicht in dieselbe Falle tappen wie jene Bewegungen, die Gleichstellung grundsätzlich ablehnen. Wer Männer pauschal abwertet, reproduziert letztlich dieselbe Logik der Ausgrenzung, die viele Frauen seit Generationen erfahren.
Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer Verbündete sind.
Denn echte Gleichberechtigung entsteht nicht durch Geschlechterkampf, sondern durch Zusammenarbeit.
Gerade deshalb lohnt es sich, bei Social Media Trends wie der Femosphere genauer hinzuschauen: Nicht alles, was sich als Empowerment präsentiert, führt auch zu mehr Gleichstellung. Manchmal führt es lediglich zu neuen Fronten in einer Debatte, die eigentlich mehr Brücken statt Gräben braucht.
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