Eine Kolumne von Diana Wick Rossi
Was passiert, wenn alles wegfällt? Die Wand von Marlen Haushofer.
Stell dir vor, du wirst übers Wochenende von Freunden in eine Jagdhütte in den Bergen eingeladen. Ein bisschen Natur, ein bisschen frische Luft, nichts Grosses. Am nächsten Morgen erwachst du und … Stille. Du suchst deine Freunde zuerst in der nächsten Umgebung, im Wald, aber weit kommst du nicht: Plötzlich ist da nämlich eine Wand aus Glas. Und dahinter: Reglos, wohl tot, die anderen Menschen.
Klingt ein bisschen nach Endzeit-Thriller, ist aber viel klüger. Und auch ziemlich feministisch.
Warum feministisch?
Eine Frau bleibt zurück, namenlos und allein. Mit einem Hund, später einer Kuh und einer Katze.
«Keine Männer, keine Gesellschaft. Niemand, der ihr reinredet. »
Niemand, der etwas von ihr will aber natürlich auch niemand, der mit ihr redet oder ihr hilft. Sie muss zwar überleben, was bedeutet, sie muss Holz hacken, jagen lernen, Vorräte organisieren, den Winter überstehen. Aber vor allem muss sie bei sich bleiben und nicht durchdrehen. Und das scheint mir mindestens so anstrengend wie das physische Überleben.
Zweiteres ist für sie als Frau nicht so einfach. Denn ihre Weiblichkeit nimmt die Protagonistin als etwas Negatives in ihrem alltäglichen Leben hinter der Wand wahr. Schliesslich wurde sie als Frau – typisch 60er – auf die Erziehung von Kindern, die Pflege von alten und kranken Menschen sowie die Führung eines städtischen Haushalts vorbereitet. Nicht aber darauf, mit zwei Stöcken einen Funken zu reiben. Die schwere, männlich konnotierte körperliche Arbeit führt sie irgendwann trotzdem weitestgehend selbst durch, Übung (und Not) machen die Meisterin.
No heroine
Eines vorweg: Die Protagonistin wird keine Heldin. Sie entdeckt auch keine innere Stärke. Sie macht einfach, Schritt für Schritt. Sie hat Angst, sie ist müde und sie hat sehr viele Zweifel, verständlicherweise. Sie beginnt die Geschichte, ihre Geschichte, aufzuschreiben. Und das ist der eigentliche Roman. Ohne Kapitel und ohne Absätze.
Aus feministischer Sicht ist Die Wand ein kleines Manifest. Haushofer zeigt, was passiert, wenn all das wegfällt, was Frauen sonst so beschäftigt: Rollen, Erwartungen, Gefallenwollen, emotionaler Gratisdienst. Die Protagonistin ist plötzlich nur noch verantwortlich für sich und für das Leben, das von ihr abhängt, also jenes der Tiere.
Keine Smalltalks, keine Termine; nur Tageslicht, Jahreszeiten und Ruhe. Sehr, sehr viel Ruhe.
Aber so einfach ist es dann doch nicht, mit dem Traum von Ruhe: Haushofer romantisiert das Ganze nicht. Die Einsamkeit ist real, brutal und manchmal kaum auszuhalten, ja, das Buch schreit wahrlich vor lauter Stille.
Manchmal, da liest man Bücher und vergisst später, was man dabei fühlte, als man sie las. Bei diesem Buch, versprochen, wird dem nicht so sein.
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MEHR ZUR AUTORIN
Diana Wick Rossi ist seit 2022 Vorstandsmitglied der Frauenzentrale Zürich. Sie verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Werbung und besitzt fundierte Kenntnisse im Markenaufbau und in der Kommunikation. In ihrer Freizeit liest Diana leidenschaftlich gerne, vor allem Bücher von Frauen.
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Viel Spass beim Lesen!