Eine Kolumne von Diana Wick Rossi
Von Annie Ernaux bis Zadie Smith: Warum wir Autorinnen eine explizite Bühne geben.
Bevor hier die ersten Bücher vorgestellt werden, braucht es eine Vorbemerkung, eine Vorkolumne sozusagen. Denn: Wer eine Auswahl trifft, sollte schliesslich auch sagen können, nach welchen Kriterien diese zustande kommt. Deshalb: Here are the reasons why.
Die Tische und Regale in Schweizer Buchhandlungen waren letztes Jahr überraschend voll von Büchern von Autorinnen: Doris Knecht, Nora Osagiobare, Caroline Wahl, Dorothee Elmiger. Es war ein gutes Lesejahr.
Dem war – Ihr könnt dreimal raten – natürlich nicht immer so. Über Jahrhunderte galt der männliche Blick als allgemeingültig. Auch in der Literatur. Männer schrieben über sich selbst und sie wurden universell gelesen.
«Frauen wiederum schrieben über sich selbst und galten als Sonderfall.»
Als intim, persönlich, weiblich. Diese Unterscheidung wirkt bis heute fort.
Ein Beispiel: Wenn Philip Roth seitenlang über männliche Sexualität, Alterungsängste oder Erektionsstörungen schreibt, gelten diese Texte als grosse Literatur über den Menschen (ist sie übrigens auch). Sie werden von Männern wie von Frauen gelesen und diskutiert.
Schreibt hingegen Miranda July über den weiblichen Körper im Umbruch, über Begehren (und das ziemlich explizit!) und über die Menopause, wird ihr Buch als «Frauenbuch» etikettiert. Als weibliches Spezialthema, relevant nur für eine bestimmte Zielgruppe, nämlich für uns Frauen.
Ein Blick in gängige Kanons, bestätigt diese Schieflage: In Listen wie «1001 Bücher, die man lesen sollte, bevor das Leben vorbei ist» ist der Anteil von Autorinnen über Jahrzehnte hinweg auffällig gering. Je nach Ausgabe stammen deutlich weniger als ein Drittel der empfohlenen Werke von Frauen. Und das, obwohl Schriftstellerinnen in denselben Zeiträumen ebenso produktiv und innovativ waren. Die Auswahl zeigt somit weniger die literarische Qualität als schlicht und einfach eine übernommene Vorstellungen davon, was als allgemein, gross oder kanonwürdig gilt. And this sucks.
«Zeit also für ganz viel Inspiration aus Sicht der Frau.»
Denn der Grund, weshalb wir mehr Bücher von Schriftstellerinnen lesen sollten, ist überraschend banal: Mit dem Lesen von weiblichen Autorinnen verbreitern wir schlicht und einfach die Wahrnehmung unserer Welt um Erfahrungen, Perspektiven und Lebensrealitäten, die lange als zu speziell, zu privat oder zu nebensächlich galten. Und wenn Frauen eins nicht sind, dann zu speziell, zu privat oder zu nebensächlich.
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MEHR ZUR AUTORIN
Diana Wick Rossi ist seit 2022 Vorstandsmitglied der Frauenzentrale Zürich. Sie verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Werbung und besitzt fundierte Kenntnisse im Markenaufbau und in der Kommunikation. In ihrer Freizeit liest Diana leidenschaftlich gerne, vor allem Bücher von Frauen.
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Viel Spass beim Lesen!