Interview: Alexandra Müller mit Prof. Dr. Michael Mueller
Frauen werden in der Medizin noch immer später diagnostiziert, ihre Schmerzen häufiger relativiert und frauenspezifische Erkrankungen schlechter erforscht. Warum ist das so und was muss sich dringend ändern? Im Interview mit der Frauenzentrale Zürich spricht Prof. Dr. Michael Mueller, über strukturelle blinde Flecken in der Forschung, historische Vorurteile in der Schmerzmedizin und die Verantwortung von Ausbildung, Politik und Gesellschaft.
Frauenzentrale Zürich (FZ): Herr Prof. Dr. Mueller, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen.
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen: Was ist Ihre berufliche Rolle an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Bern und weshalb spielt Gendermedizin in Ihrer täglichen Arbeit eine zentrale Rolle?
Michael Mueller (MM): Ich bin Ordinarius (das heisst, ich habe einen Lehrauftrag an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern) und Co-Klinikdirektor der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am Inselspital Bern. In meiner täglichen Arbeit verbinde ich klinische Medizin, Forschung sowie Aus- und Weiterbildung.
Gendermedizin ist grundsätzlich ein wichtiges Thema, denn es gibt biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern sowie geschlechtsspezifische Lebensrealitäten, die Symptome, Diagnostik, Therapie und Prävention beeinflussen. Wer diese Unterschiede ignoriert, riskiert Fehldiagnosen und suboptimale Therapien.
«Für mich ist jedoch die Förderung der Frauengesundheit ein noch wichtigeres Anliegen.»
Für mich ist jedoch die Förderung der Frauengesundheit ein noch wichtigeres Anliegen. Es geht mir um mehr als um den Vergleich der Geschlechter. Die gezielte Förderung der Frauengesundheit ist überfällig. Zahlreiche frauenspezifische Erkrankungen sind noch immer unzureichend erforscht, werden zu spät erkannt oder nicht ernst genug genommen. Dass wir für einige dieser Krankheitsbilder bis heute keine wirklich befriedigenden Therapien anbieten können, ist kein Randproblem – sondern ein klarer Handlungsauftrag für Forschung, Ausbildung und Gesundheitspolitik.
FZ: Wenn Sie heute auf die Frauenmedizin zurückblicken: Wo sehen Sie die grössten blinden Flecken, die Frauen noch immer konkret schaden und warum halten sie sich so hartnäckig?
MM: Ein zentraler blinder Fleck ist die systematische Unterrepräsentation von Frauen in klinischen Studien. Auch wenn – wie oben erwähnt – die Unterschiede zwischen Frauen und Männern medizinisch relevant sind, ist es höchste Zeit, die Gesundheit von Frauen sowohl gesellschaftlich als auch politisch gezielt zu fördern.
Noch immer ist es schwierig, ausreichend Forschungsgelder für frauenspezifische Erkrankungen zu erhalten. Ein besonders anschauliches Beispiel ist der Vergleich der vom Schweizerischen Nationalfonds in den letzten 20 Jahren gesprochenen Mittel für die Forschung zu Prostata Leiden – Erkrankungen, die ausschliesslich Männer betrifft – mit den Fördergeldern für Endometriose, eine gynäkologische Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe ausserhalb der Gebärmutter vorkommt und erhebliche Schmerzen sowie weitere Symptome verursachen kann.
Solche Ungleichgewichte bestehen fort, weil sie historisch gewachsen sind – und weil strukturelle Veränderungen im Forschungs- und Fördersystem erfahrungsgemäss viel Zeit benötigen.
FZ: Viele Frauen berichten, dass sie erst sehr spät ernst genommen werden. Woran erkennt eine Patientin, dass ihre Beschwerden medizinisch unterschätzt werden, und was raten Sie ihr ganz konkret in diesem Moment?
MM: Ein Warnsignal ist, wenn Symptome vorschnell psychologisiert oder bagatellisiert werden, ohne dass eine strukturierte Abklärung erfolgt. Ich rate Patientinnen, konkret nachzufragen: «Welche Differentialdiagnosen ziehen Sie in Betracht?» oder «Welche weiteren Abklärungen sind möglich?» Eine Zweitmeinung ist kein Affront, sondern ein legitimes Recht.
«Eine Zweitmeinung ist kein Affront, sondern ein legitimes Recht.»
FZ: Der männliche Körper galt lange als medizinischer Standard. Welche Folgen dieser historischen Praxis spüren Frauen bis heute im Klinikalltag?
MM: Dosierungen, Referenzwerte oder typische Symptomprofile basieren teilweise noch immer auf männlichen Daten. Das kann dazu führen, dass gewisse Krankheiten bei Frauen zu spät erkannt werden oder Nebenwirkungen von Medikamenten anders eingeschätzt werden. Wir müssen Daten konsequent geschlechtersensibel analysieren.
FZ: In der gynäkologischen Forschung gibt es Fortschritte, aber gleichzeitig bleibt vieles unerforscht. Welche Themen in der Frauengesundheit müssten aus Ihrer Sicht dringend priorisiert werden?
MM: Alle!! Das ist mein zentrales Anliegen: Themen der Frauengesundheit müssen endlich die Aufmerksamkeit und Priorität erhalten, die sie verdienen. Es geht um zahlreiche Bereiche – etwa chronische Schmerzsyndrome, die reproduktive Gesundheit über die gesamte Lebensspanne, die Wechseljahre, gynäkologische Malignome und viele weitere Fragestellungen.
Umweltfaktoren werden künftig wahrscheinlich auch einen deutlich grösseren Einfluss auf die Frauengesundheit haben als auf die Gesundheit von Männern.
Personalisierte Therapiekonzepte verdienen daher wesentlich mehr Beachtung und müssen konsequent an die jeweiligen Lebensphasen von Frauen angepasst werden.
FZ: Schmerz ist ein zentrales Thema in der Frauenmedizin. Warum wird Schmerz bei Frauen Ihrer Meinung nach noch immer häufiger relativiert und wie kann sich das ändern?
MM: Schmerz bei Frauen wird historisch und kulturell oft als «normal» interpretiert, zum Beispiel Menstruationsbeschwerden. Während der Vers des alten Testamentes [1. Buch Mose, Genesis 3,16] («mit Schmerzen sollst du Kinder gebären») den weiblichen Schmerz in der jüdisch-christlichen Traditionsgeschichte als schicksalhaft und normativ deutete, verlagerte sich im 19. Jahrhundert die Erklärung weiblicher Schmerzen von der Theologie in die Medizin – jedoch nicht in Richtung Biologie, sondern in Richtung Psychopathologie.
Im 19. Jahrhundert (S. Freud, J-M Charcot, J. Breuer) wurden sogenannte «hysteriforme» Schmerzen (Beckenschmerz, Menstruations-ähnliche Beschwerden, diffuse Unterbauchschmerzen) als Ausdruck unbewusster Konflikte interpretiert. Der Begriff «Hysterie» selbst (von griech. hystéra = Uterus) knüpft direkt an die jahrtausendealte Vorstellung an, dass weibliche Beschwerden aus einer besonderen, störanfälligen weiblichen Körperlichkeit hervorgehen.
Wenn etwas als normal empfunden wird, und leider ist dies heutzutage immer noch der Fall, führt es zu Verzögerungen in der Diagnostik. Wir brauchen eine Kultur, in der Schmerz ernst genommen und systematisch abgeklärt wird – evidenzbasiert und ohne Vorurteile!
FZ: Viele Frauen fühlen sich in medizinischen Gesprächen unter Zeitdruck oder nicht gehört. Was dürfen Patientinnen heute von einer guten Ärztin oder einem guten Arzt erwarten und wo sollten sie nicht kompromissbereit sein?
MM: Eine respektvolle, transparente und verständliche Kommunikation sollte heute die Grundlage jedes Gesprächs sein. Dazu gehört, dass Diagnosen verständlich erklärt, Behandlungsoptionen aufgezeigt und Risiken offen und ehrlich benannt werden.
Der Zeitdruck ist dabei ein schwieriges Thema, da der Kostendruck im Gesundheitswesen leider eine immer wichtigere Rolle spielt. Es kann deshalb vorkommen, dass ein Gespräch unterbrochen und bei einem weiteren Termin fortgesetzt werden muss.
Nicht kompromissbereit sollten Patientinnen jedoch sein, wenn es darum geht, dass ihre Beschwerden ernst genommen werden.
FZ: Gendermedizin wird oft missverstanden oder politisiert. Wie erklären Sie einer Patientin in einfachen Worten, warum geschlechtersensible Medizin lebenswichtig ist?
MM: Geschlechtersensible Medizin bedeutet, dass wir Unterschiede ernst nehmen, um in Zukunft gerechter und präziser behandeln zu können. Es geht nicht um Ideologie, sondern um bessere Ergebnisse, bessere Behandlungen.
FZ: Sie arbeiten an einer Universitätsklinik und bilden junge Ärzt:innen aus. Was muss sich in der medizinischen Ausbildung ändern, damit die nächste Generation Frauen besser versorgt ist?
MM: Die Förderung der Frauengesundheit muss integraler Bestandteil des Curriculums sein. Studierende sollen lernen, Daten kritisch zu hinterfragen und geschlechtsspezifische Aspekte systematisch mitzudenken. Zudem braucht es mehr Forschung und Vorbilder in diesem Bereich.
FZ: Was können Frauen selbst tun, um ihre Gesundheit informierter und selbstbestimmter wahrzunehmen – jenseits von «Google- oder KI-Recherchen»?
MM: Auf den eigenen Körper achten und wahrnehmen, was er einem mitteilen will. Prämenstruelle Symptome oder menstruationsbedingte Schmerzen können beispielsweise die Trainingsbereitschaft im Sport reduzieren – müssen es aber nicht. Es ist daher sinnvoll, Umfang und Intensität des Trainings individuell und symptombasiert anzupassen.
Gleiches gilt für Veränderungen vor oder während den Wechseljahren – in der Transitionsphase ebenso wie in der Menopause. Entscheidend ist, nicht starren Doktrinen zu folgen oder routinemässig unnötige Bluttests durchzuführen, sondern die individuelle Symptomatik in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn Beschwerden auftreten, sollte man sich an eine Ärztin oder einen Arzt wenden, um gemeinsam eine passende und individuelle Lösung zu finden.
Unabhängig davon bleiben regelmässige Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll, um die Gesundheit langfristig zu erhalten und mögliche Erkrankungen frühzeitig zu erkennen.
FZ: Wenn Sie allen Frauen in der Schweiz eine Botschaft mitgeben könnten: Was sollten sie über ihren Körper, ihre Symptome und ihr Recht auf gute medizinische Versorgung unbedingt wissen?
MM: Nehmen Sie Ihre Symptome ernst, sprechen Sie frühzeitig darüber, melden Sie sich bei einer Fachperson falls Ihnen etwas Spezielles auffällt. Ihre Beschwerden sind real – und verdienen eine fundierte Abklärung und dies in jedem Alter.
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Dieses Interview gehört zur Kampagne «FeMedizid». Ein Aufruf der Frauenzentrale Zürich, die Wissenslücke in der Medizin endlich zu schliessen und Frauengesundheit sichtbar zu machen.
Wir freuen uns ausserdem sehr, Prof. Dr. Michael Mueller als neuen Experten für Gendermedizin in unserem Netzwerk begrüssen zu dürfen.