Interview: Alexandra Müller mit Jeanne Moor
Dr. med. Jeanne Moor vom Lehrstuhl für Gendermedizin an der Universität Zürich erklärt, warum Gendermedizin nötig ist: Biologische und soziokulturelle Unterschiede beeinflussen Krankheitsverlauf und Therapieerfolg. Nur individuelle Betreuung sorgt für gerechte, wirksame Medizin.
Frauenzentrale Zürich (FZ): Frau Dr. med. Moor, was hat Sie persönlich zur Gendermedizin gebracht? Gab es einen Moment in Ihrer Laufbahn, in dem Ihnen klar wurde, dass Medizin geschlechtsspezifisch gedacht werden muss?
Jeanne Moor (JM): In meiner ärztlichen Tätigkeit habe ich oft erlebt, wie zentral individualisierte Medizin ist. Gendermedizin ist dabei ein wesentlicher Bestandteil, da sie sowohl das biologische als auch das soziokulturelle Geschlecht berücksichtigt. Aus meiner Erfahrung führt individuell abgestimmte Betreuung meist zu höherer Zufriedenheit und besseren Therapieergebnissen bei Patient:innen.
Ein prägendes Beispiel hierfür war eine 43-jährige Patientin mit schwer einstellbarem Bluthochdruck. Erst das Erkennen der Kombination aus früher Menopause – als biologischer Faktor – und starkem Betreuungsstress sowie ihrer kulturellen Situation (sie sprach kaum Deutsch und verstand die Medikamente unzureichend) – also soziokulturellen Aspekten – machte die zugrunde liegenden Ursachen deutlich. Durch eine Therapie, die auf diese Faktoren abgestimmt war, konnte schliesslich eine stabile Blutdruckeinstellung erreicht werden.
FZ: Wie entstand der Lehrstuhl für Gendermedizin an der Universität Zürich und was ist sein übergeordnetes Ziel? Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von klassischer medizinischer Forschung?
JM: Der Lehrstuhl für Gendermedizin wurde 2024 als erster eigenständiger Lehrstuhl dieser Art in der Schweiz besetzt, geleitet von Prof. Carolin Lerchenmüller. Ziel ist, Geschlechtsaspekte systematisch in Forschung, Lehre und Klinik zu verankern, um gerechtere, individualisierte Medizin zu ermöglichen. Aufbauend auf der klassischen medizinischen Forschung berücksichtigen wir Geschlecht zusätzlich als wichtigen Einflussfaktor. Neben einem Forschungsschwerpunkt für Geschlechterunterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, werden neueste Kenntnisse auch in die klinische Versorgung übertragen.
Prof. Lerchenmüller leitet die Frauenherzsprechstunde und die Gendermedizin in der Kardiologie am Unispital Zürich. In der Sprechstunde werden unter anderen Frauen nach Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) oder Schwangerschaftsdiabetes betreut, da sie ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Ausserdem werden Check-ups, insbesondere rund um die Menopause, sowie die Behandlung von Herzschwäche mit erhaltener Pumpfunktion angeboten, welche bei Frauen häufiger vorkommen.
FZ: Welche Forschungsprojekte laufen aktuell am Lehrstuhl? Gibt es Themen, die Sie besonders bewegen oder wo Sie grosses Potenzial für Veränderungen sehen?
JM: Am Lehrstuhl wird grundlagenwissenschaftlich im Labor gearbeitet, um Unterschiede bis auf zelluläre Ebene zu untersuchen, aber auch in grossen «Big Data»-Projekten, die die geschlechterspezifische Krankheitslast weltweit betrachten. Aktuell werden Herz-Kreislauf-Erkrankungen erforscht, etwa Herzalterung, die Wirkung von Training auf das Herz, das Zusammenspiel von Autoimmunerkrankungen und Herzerkrankungen, aber auch Projekte zur Chancengleichheit in der Medizin. Obwohl rund 60 % der Medizinstudierenden Frauen sind, machen sie in Führungspositionen nur 20–30 % aus. Dies ist von grosser Relevanz, da Diversität Teams stärken und Frauen in Leitungsrollen die Forschung zu frauenspezifischen, oft vernachlässigten Erkrankungen fördern.
FZ: Wie sieht Ihr Team aus und wer arbeitet alles an diesem interdisziplinären Ansatz mit? Welche Berufsgruppen sind beteiligt und warum ist diese Vielfalt wichtig?
JM: Das Team am Lehrstuhl für Gendermedizin umfasst Forschende im Bereich der Grundlagenforschung, der klinischen Forschung und zu Datenwissenschaft, einer Koordinatorin des Lehrstuhls sowie einem Kommunikationsexperten. Ergänzt wird das Team durch Masterstudierende und Doktorierende. Diese Vielfalt bringt verschiedene Perspektiven ein und ermöglicht es, optimal den Auftrag des Lehrstuhls zu erfüllen von Forschung, Lehre, Klinik und auch Öffentlichkeitsarbeit.
FZ: Was sind die grössten Hürden, wenn es darum geht, Gendermedizin in Lehre, Forschung und Praxis zu integrieren? Fehlt es eher an Bewusstsein, an Daten oder an Strukturen?
JM: Die grössten Hürden für die Integration der Gendermedizin liegen in Bewusstsein, Daten und Strukturen. Das Thema wird oft als ideologisch missverstanden, Frauen und diverse Geschlechter sind häufig in Studien unterrepräsentiert und Daten werden zu selten geschlechtsdifferenziert ausgewertet. Strukturell fehlt Gendermedizin in Leitlinien, Ethikgremien oder in Fortbildungen. Im Studium ist sie teils integriert, bei praktizierenden Ärzt:innen und anderen Gesundheitsfachpersonen besteht jedoch ein grosser Nachholbedarf. Nur die gleichzeitige Adressierung aller Ebenen kann die Versorgung nachhaltig verbessern.
FZ: Wie steht es um die Schweiz im internationalen Vergleich? Lernen wir genug von Ländern, die Gendermedizin bereits stärker in die Ausbildung integriert haben?
JM: Die Umsetzung der Gendermedizin unterscheidet sich international: Länder wie Schweden, Kanada oder die USA bieten bereits verpflichtende Schulungen an, Italien hat gesetzliche Vorgaben. Die Schweiz steht international sehr gut da, sie hat in den letzten Jahren stark aufgeholt. Dies sieht man am ersten Lehrstuhl für Gendermedizin in Zürich, der erfolgreiche CAS Sex- and Gender-Specific Medicine sowie dem Gendermedizin-Symposium. Best-Practice-Modelle aus dem Ausland können helfen, Gendermedizin weiter in Ausbildung, Forschung und Klinik zu verankern.
«Die Schweiz steht international sehr gut da, sie hat in den letzten Jahren stark aufgeholt.»
FZ: Gibt es ein Beispiel aus Ihrer Forschung, das besonders deutlich zeigt, wie unterschiedlich Krankheiten bei Frauen und Männern verlaufen und welche Folgen das hat?
JM: Obwohl kardiovaskuläre Erkrankungen die häufigste Todesursache bei Männern und Frauen sind, zeigt eine unserer Studien, dass Frauen in klinischen Studien häufig unterrepräsentiert sind. Dies kann dazu führen, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei Krankheiten unzureichend berücksichtigt werden. Mehr weibliche Autorinnen tragen jedoch nachweislich zu einer besseren Repräsentation bei, was zu einer wirksameren Medizin auch für Frauen führen kann.
FZ: Wie kann man junge Ärzt:innen und Forschende für das Thema sensibilisieren? Braucht es mehr Pflichtinhalte im Studium oder vielmehr eine Haltungsänderung im Denken?
JM: Beides ist notwendig. Pflichtinhalte schaffen Wissen und eine Haltungsänderung sorgt dafür, dass dieses Wissen konsequent angewendet wird.
FZ: Sie leiten nicht nur Forschung, sondern sind auch klinisch tätig. Wie erleben Sie die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und Praxisalltag?
JM: Die Diskrepanz ist deutlich spürbar. Wissenschaftlich wissen wir heute viel über geschlechtsspezifische Unterschiede – aber im Alltag fehlen oft Strukturen oder in vielen Fachbereichen Leitlinien (aufgrund der Data Gap mit Studien mit höchstem Evidenzgrad), um dieses Wissen konsequent umzusetzen. Es kommt noch hinzu, dass viele diagnostische Algorithmen und klinische Scores historisch auf männlichen Daten basieren. Gleichzeitig ist der Praxisalltag von Stress, Zeitdruck und Fachkräftemangel geprägt.
Das macht es umso wichtiger, Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie leicht anwendbar sind – etwa über Fortbildungen, Checklisten oder kurze «Science to Go»-Videos, die wir am Lehrstuhl anbieten.
FZ: Und zum Schluss: Wenn Sie einen Appell an die Bevölkerung richten könnten, was wäre Ihr wichtigster Rat, um die eigene Gesundheit ernst zu nehmen und sich im Gesundheitssystem besser zu behaupten?
JM: Mein Rat: Hören Sie auf Ihren Körper und nehmen Sie Symptome ernst, auch wenn sie «nicht typisch» erscheinen. Fragen Sie aktiv nach geschlechtsspezifischen Risiken. Achten Sie auch auf Ihre soziokulturelle Rolle – etwa als Elternteil. Selbstvertrauen in den eigenen Körper und informierte Fragen stärken Ihre Gesundheitskompetenz und tragen zu gerechterer, wirksamerer Medizin für Sie selbst bei.
______
Dieses Interview gehört zur Kampagne «FeMedizid». Ein Aufruf der Frauenzentrale Zürich, die Wissenslücke in der Medizin endlich zu schliessen und Frauengesundheit sichtbar zu machen.
Wir freuen uns ausserdem sehr, Dr. med. Jeanne Moor als neue Expertin für Gendermedizin in unserem Netzwerk begrüssen zu dürfen.