Text: Diana Wick Rossi
«Es braucht ein Dorf, um ein Kind gross zu ziehen.» – dieser Satz ist älter als viele Säle, doch er trifft mitten ins Herz der aktuellen Debatte über Vereinbarkeit in der Schweizer Politik. Wer in Zürich im Kantonsrat sitzt und gleichzeitig Mutter ist, weiss: Babys sind willkommen. Aber nur halb. Sie dürfen beim Abstimmen im Saal anwesend sein, nicht aber während Debatten. Klingt nach Fortschritt, bleibt jedoch ein Kompromiss auf halbem Weg.
Die Schweiz liebt Kompromisse, I know. Sie sind unser politisches Schmiermittel, unser Notausgang, wenn es brenzlig wird. Doch Kompromisse sind nicht immer Lösungen. Im Fall der Vereinbarkeit von Mutterschaft und politischem Amt wirkt die neue Regelung wie ein Pflaster auf einer offenen Wunde. Ich kenne das gut, habe ich selbst schon ganze Business-Ideen aus dem Boden gestampft, um diese Wunde kleiner zu machen oder das Pflaster grösser.
Politik mit angezogener Handbremse
Bleiben wir bei den Fakten: Babys dürfen neu im Ratssaal mit dabei sein. Allerdings nur dann, wenn es um Abstimmungen geht. Während Diskussionen oder Wortmeldungen müssen sie draussen bleiben. Damit bleibt die Realität für politisch engagierte Mütter dieselbe: Ohne Betreuungsperson ist das Mandat faktisch nicht ausübbar.
«Nicht stören» als Zauberformel
Dass es überhaupt eine neue Regelung gibt, ist ein Schritt. Ein grosser: Man(n) hat darüber geredet. Aber trotzdem ein kleiner: Die Lösung ist keine. Als Vereinbarkeits-Verfechterin mach ich jetzt trotzdem einen Schritt zurück fürs grosse Bild: Natürlich braucht es Regeln. Ein Ratssaal ist kein Spielplatz, und Debatten kein Babyschwimmen. Aber warum nicht eine einfachere, klarere Regelung? Zum Beispiel – heb dich fescht, es wird pragmatisch – diese hier: Babys dürfen im Saal sein – solange sie den Ratsbetrieb nicht stören. Punkt.
«Ein Ratssaal ist kein Spielplatz, und Debatten kein Babyschwimmen.»
Und für all jene, die jetzt aufschreien, dass Babys bigoscht nichts verloren haben in Ratsälen, wo Politik gemacht wird: I feel you bizzeli. Wie wäre es mit einer Kinderbetreuung während den Sitzungen? Ein Ort, an dem Mütter ihre Babys für die Dauer der Sitzungen abgeben können. So könnte die Politik zeigen, dass sie verstanden hat: Kinder sind keine Randnotiz, sondern Teil unserer Gesellschaft. Und dass Vereinbarkeit nicht in Schutzräumen oder Sonderlösungen stattfindet, sondern zmitzt im Leben.
Ein System aus der Zeit gefallen
Die Schweiz rühmt sich ihrer Miliztradition: Wer politisch aktiv ist, tut das neben Beruf und Familie. In der Theorie klingt das nach Bürgernähe. In der Praxis bedeutet es oft, dass jene bevorzugt sind, die keine unbezahlte Care-Arbeit leisten. Und das sind, wir wissen es, die Männer. Frauen, die sich politisch engagieren wollen, geraten so in ein System, das ihre Realität nicht abbildet. Sie jonglieren zwischen Ratssaal und Spielplatz, zwischen Sitzungsprotokoll und Kinderarzttermin.

Die Entscheidung im Zürcher Kantonsrat ist nicht nichts.
Der Zürcher Kantonsrat hat einen ersten Schritt gemacht. Aber wenn es bei diesem Schritt bleibt, wird er zur Karikatur. Vereinbarkeit braucht, ich wiederhole mich, echte Rahmenbedingungen: flexible Sitzungszeiten, digitale Teilnahmemöglichkeiten, und vor allem das Verständnis, dass Kinder nicht nur Belastung, sondern auch Bereicherung sind.
«Es geht nicht um ‹Extrawürste› für Mütter.»
Es geht nicht um «Extrawürste» für Mütter. Es geht um ein System, das die Realität anerkennt. Eine Demokratie, die Vereinbarkeit ernst nimmt, wird nicht schwächer, sondern stärker.
Die Schweiz liebt kleine Schritte. Machen wir doch bisseguet mal einen grösseren.
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