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Weibliche Sexualität – zwischen Erwartung und echtem Genuss

Text: Nora Ermatinger

Sexualität zeigt uns oft unsere tiefsten Themen. In ihr lassen wir buchstäblich die Hosen runter – und unsere intimsten Unsicherheiten, Muster und Prägungen kommen unverhüllt zum Vorschein. Was hast du über Sexualität gelernt? Was darüber, was eine sexuelle Frau ist? Liebst du, verführst du, geniesst du – oder erlaubst du dir einfach zu fliessen, wohin es dich gerade zieht?

Sexualität in einer Leistungsgesellschaft

Frauen dürfen heute Sex haben. Sie dürfen geniessen. Fast schon: Sie müssen. Die weibliche Lust zu erwecken ist zum Leistungszeugnis des modernen Mannes geworden. Ihr einen Orgasmus zu entlocken, zum Qualitätsmerkmal seiner sexuellen Fähigkeiten. Kommt er – und sie nicht – bleibt oft ein stilles Gefühl des Versagens zurück. Schauen wir nur zwei Generationen zurück, ist das tatsächlich etwas Wunderbares. Doch wie alles hat auch dies zwei Seiten. Denn genau dort, wo Sexualität auf Leistung trifft, verlassen wir den Kontakt zu uns selbst. Wir wandern aus dem Körper in den Kopf. Aus einem «nicht dürfen» haben wir kein «dürfen» gemacht – wir sind direkt weiter zum «sollen» und «müssen» übergegangen. Die Erwartung hat den Genuss ersetzt.

«Wie aber haben wir überhaupt gelernt, was Geniessen sein kann?» 

Und noch mehr: Wie haben wir Verbindung gelernt? Denn genau da fängt Sexualität an. Egal ob alleine, zu zweit oder zu mehreren – lustvoll geniessen bedeutet immer auch in Verbindung sein. Mit sich. Mit dem Gegenüber.

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Psychologische Beraterin und Sexualtherapeutin Nora Ermatinger

Wie haben wir Sexualität gelernt?

Die ersten Bilder davon, wie Sexualität funktioniert, bekommen viele von uns nebst familiären Prägungen auch aus Filmen. Hollywood zeigt uns die lustvolle Frau, die innert wenigen Minuten zum Orgasmus kommt. Der ist immer dabei. Danach ist immer fertig. Leidenschaft als linearer Verlauf: wir starten hier, wir enden da. Weibliche Lust wird dabei der männlichen gleichgesetzt – klar, eindeutig, zielorientiert. Gleichzeitig bedient sich unser kulturelles Bild tief am sogenannten Maria-Magdalena-Paradox. Eine Frau soll sexy sein, leidenschaftlich, genussfähig – doch immer im richtigen Mass. Ist sie zu freizügig, kippt sie in die Rolle der Hure Magdalena. Hat sie zu klare Grenzen, wird sie schnell zur Maria – der Mutter, die sogar «unbefleckt» ein Kind zur Welt bringen kann. Um «die Eine» zu sein, müssen viele Frauen noch immer beides verkörpern: die Verführerin und die Reine.

Sexualität kann also schnell zu etwas werden, bei dem wir erfüllen müssen und uns gleichzeitig schützen sollen. Wo aber bleibt der Genuss? Wo bleibt die Verbindung zum Körper, das Spüren, das Sich-Ausdrücken? Wie können wir da von uns erwarten, ständig lustvoll zu sein?

«Und wie streng sind wir mit uns, wenn sich die Lust verabschiedet?» 

Viele Paare haben Sexualität so gelernt, dass nach dem Orgasmus Schluss ist. Der Höhepunkt als Ziel, danach zählt nichts mehr. Ist sie nicht gekommen und er schon, bleiben Scham, Unzufriedenheit und Versagensgefühl. Es kommt zu Rückzug – statt Verbindung. Doch was, wenn wir Sexualität nicht als linearen Verlauf verstehen würden, sondern als etwas Zirkuläres, Fliessendes? Etwas, das weder vorgeschriebenen Anfang noch Ende kennt. Kommt er zuerst, muss nicht fertig sein. Es darf eine Pause entstehen – oder es darf weitergehen. Erregung darf sich aufbauen und wieder zurückgehen – bei ihr, bei ihm. Und der Orgasmus? Er darf da sein. Er muss es nicht. Wenn er nicht mehr das Ziel ist, sondern eine von vielen möglichen Stationen, fällt ein enormer Druck weg – von ihr, von ihm, von beiden.

Yin und Yang – zwei Energien in uns allen

Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf das Yin-Yang-Prinzip der chinesischen Philosophie – als einfache Beschreibung zweier polarer Energien, die wir alle in uns tragen. Nicht weiblich, nicht männlich – einfach nur menschlich. Yang ist das Aktive, Zielgerichtete, Leistungsorientierte. Yin ist das Empfangende, Ruhende, Zirkuläre. Wir leben in einer stark Yang-geprägten Gesellschaft: wir leisten, wir machen, wir optimieren uns. Entspannung muss verdient werden. Sind wir energielos, gibt es Kaffee. Sind wir lustlos, müssen wir schauen, wie wir wieder in die Lust kommen. Doch Yin braucht bei uns immer eine Begründung. Dabei geht es viel mehr darum, zu schauen, wozu der Körper Nein sagt. Und was stattdessen ein Ja sein könnte.

«Von einem Paar, bei dem eine Lustdifferenz herrscht, kommt tendenziell die Person in die Sexualtherapie, die weniger Lust hat – mit dem Wunsch, sich «nach oben» anzupassen.» 

In meiner Praxis begegne ich sexueller Unlust sehr häufig – bei Frauen und bei Männern. Denn nicht nur Frauen leiden unter Leistungssexualität. Auch Männern fehlt oft das Yin und das Wissen, dass Erregung nicht linear verlaufen muss. Dass Leidenschaft sich ausdehnen und zurückziehen darf, ohne dass etwas falsch daran wäre. Bei vielen meiner Klient*innen ist Sexualität ein Leisten geworden. Wir nehmen eine Rolle ein, statt in echter Verbindung zu sein. Wir lieben mit dem Kopf, flüchten uns in Fantasien und verlieren dabei den Kontakt zum Körper. Die Unlust ist aus meiner Sicht die gesündeste Reaktion, die ein Organismus zeigen kann. Sie zeigt: Etwas stimmt hier nicht. Wir wünschen uns etwas anderes. Und dieses Andere kann so wunderbar sein – wenn wir uns erlauben, der Unlust zuerst ihren Platz zu geben. Nicht: «Wie komme ich wieder in die Lust?» Sondern: «Wozu sagt mein Körper gerade Nein – und was könnte stattdessen ein Ja sein?»

Sexualität als Lebensenergie

In der tantrischen Lehre – und ich meine hier keine Techniken oder Praktiken, sondern eine Philosophie des Lebens – wird Sexualität als Lebensenergie verstanden. Als das, was uns aus unserem Inneren mit uns und unserer Aussenwelt verbindet. Sexualität kann Sex sein. Doch sie kann auch Freude beim Tanzen sein, Kreativität beim Malen, Vibration beim Singen, Leidenschaft beim Erschaffen. Sie ist das Lebendige in uns. Immer da. Lust darf dabei fliessen wie ein Fluss durch eine Landschaft – mal langsam, mal schnell, mal innehaltend.

«Eine Berührung, die gerade noch lustvoll war, kann im nächsten Moment ein klares Nein sein. Das ist keine Störung.» 

Manchmal geht es nur darum, den Zugang dazu wieder zu finden – den eigenen, ganz persönlichen. Nicht die Hollywood-Version. Nicht die, die wir irgendwann gelernt haben zu spielen.

Denn: Wir alle dürfen Maria sein. Dürfen Magdalena sein. Wir müssen uns nicht entscheiden – wir dürfen beides sein und alles dazwischen. Pendelnd, zirkulär, immer wieder anders. Lustvoll und lustlos. Lebendig und sich ständig verändernd. Das darf genau hier beginnen – damit, uns mehr mit uns zu verbinden. Lasst uns unsere Lüsternheit frivol leben und unsere Grenzen radikal wahren, um uns so zu erlauben, unseren Genuss dahin fliessen zu lassen, wo es für uns wirklich stimmig ist.

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Über die Autorin:
Nora Ermatinger ist Psychologische Beraterin und Sexualtherapeutin in Zürich. In ihrer «Praxis Du» begleitet sie Menschen körperzentriert und ganzheitlich in Fragen rund um Sexualität und Beziehung sowie in Lebenskrisen.

Auf unserem Blog findest du übrigens weitere Interviews, Artikel und Beiträge der Frauenzentrale Zürich. 

Viel Spass beim Lesen!

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