Text: Serap Kahriman
Bald ist es so weit: Am 8. März 2026 wählt Zürich eine neue Stadtpräsident:in. Zur Wahl stehen drei Männer und einzig eine Frau: meine Wenigkeit. Nach 17 Jahren mit Corine Mauch an der Spitze droht das wichtigste Amt der Stadt erneut fest in Männerhand zu geraten. Die Hans-Ära könnte von vorne beginnen.
Seit 1803 hatte Zürich 23 Stadtpräsident:innen. Dass ich hier gendere, ist fast ironisch. In über 220 Jahren Stadtgeschichte hatte Zürich acht Stadtpräsidenten mit dem Vornahmen Hans und eine einzige Frau im Amt. Das ist kein Zufall, sondern sagt viel darüber aus, wessen Führung als selbstverständlich galt und wessen nicht.
«Geschichte prägt Erwartungen – auch politische.»
Studien wie jene der Yale School of Management zeigen: Frauen werden bei Beförderungen häufig nach bereits erbrachter Leistung beurteilt, Männer hingegen nach ihrem Potenzial. Übertragen auf die Politik bedeutet das: Frauen müssen ihre Fähigkeiten oft lückenlos beweisen, während Männern schneller Führungsqualitäten zugeschrieben werden. Dieses Muster wirkt subtil, aber hartnäckig. Und genau hier liegt die Gefahr für Zürich.
Nach 17 Jahren mit einer kompetenten Stadtpräsidentin könnte das Pendel zurückschlagen. Nicht, weil es an fähigen Frauen fehlt, sondern weil tief verankerte Rollenbilder Männern nach wie vor mehr Führungsstärke, Durchsetzungsvermögen oder strategisches Denken zutrauen. Diese Zuschreibungen haben wenig mit tatsächlicher Kompetenz zu tun, dafür umso mehr mit tradierten Erwartungen.
Es braucht Frauen an der Spitze. Nicht als Ausnahme und nicht als Symbol, sondern als Selbstverständlichkeit. Denn eine Stadt, die Frauen systematisch seltener Führungsrollen zutraut, beraubt sich selbst der Hälfte ihres Potenzials.
«Gleichstellung ist Chef:innensache!»
Was in den Tagen rund um die Wahlen oft vergessen geht: Im Präsidialdepartement ist die Fachstelle Gleichstellung angesiedelt. Die nächste Person im Stadtpräsidium hat damit direkten Einfluss auf die künftige Gleichstellungspolitik der Stadt. Es ist mir ein zentrales Anliegen, dass diese Fachstelle weiterhin eine starke Rolle spielt – damit Gleichstellung in allen Departementen mitgedacht wird: bei Sicherheitsfragen im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen ebenso wie bei Finanzfragen, etwa beim Gender Budgeting.
«0 % Frauen im oberen Kader des Schul- und Sportdepartements!»
In den letzten Jahren habe ich mehrere Vorstösse (mit-) eingereicht, darunter zu Gender Mainstreaming, 12 Mio. Franken für die Förderung von Mädchen und Frauen im Sport sowie zur Sensibilisierung medizinischer Fachpersonen für sexualisierte und häusliche Gewalt. Gleichzeitig zeigt sich: Einige Departemente erreichen das Ziel von mindestens 35 % Frauen im oberen Kader der Verwaltung bis heute nicht. Im Schul- und Sportdepartement liegt der Anteil seit dem Jahr 2022 beispielsweise bei null. Deshalb habe ich vor einigen Monaten eine wirksamere Umsetzung dieser Zielvorgabe verlangt. Dieses Beispiel zeigt vor allem eines: Gleichstellung ist Chef:innensache.
Meine Kandidatur ist deshalb mehr als ein persönlicher Schritt oder ein politisches Karriereziel. Sie ist ein bewusstes Zeichen gegen das Zurückfallen in alte Muster. Sie steht für die Überzeugung, dass Führung vielfältig sein muss und Verantwortung konkret wahrgenommen werden soll.
Am 8. März 2025 ist Wahltag. Und es ist gleichzeitig der internationale Frauentag. Das ist mehr als eine schöne Koinzidenz. Es ist eine Einladung, ein Zeichen zu setzen – für Gleichstellung nicht nur in Sonntagsreden, sondern in der konkreten Machtverteilung.
Und mal ehrlich: Was wäre ein besseres Geschenk am internationalen Frauentag als eine zweite Stadtpräsidentin?
Und sollte das alles noch nicht überzeugt haben, bleibt nur noch eines zu sagen:
«Wenn schon mann, dann kahriman.»
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Auf unserem Blog findest du übrigens weitere Interviews, Artikel und Beiträge der Frauenzentrale Zürich.
Viel Spass beim Lesen!